TransAlp

Jetzt ist der Sommer schon um und ihr denkt wahrscheinlich: die hat nichts geposted, also auch nichts erlebt… Falsch gedacht! Ich war in der Wildnis unterwegs und bin auf Ludwig Grasslers “Traumpfad” von München nach Venedig gewandert.

5 Wochen, 550 km, 18.000 hm hoch, 20.000 hm runter.

Auch wenn man eigentlich nichts mitnimmt und 10 mal alles ein- und wieder ausgepackt hat, in einer Excel-Tabelle die mit der Küchenwaage gemessenen Gewichte der gesamten Ausrüstung notiert hat, noch mehr weggelassen und als nicht essentiell befunden, bleiben immer noch 15 kg Gewicht, die über die Berge geschleppt werden wollen. Noch schnell die Wohnung vermietet und auf minimalistisches Leben im Mini-UltraLight Zelt eingestellt: goodbye Luxus!

Mit dem Fernbus nach München fahren, noch eine Nacht im Hotel, dann aber wirklich… Am Morgen ein letzter überteuerter Kaffee am Marienplatz, keine Ausrede jetzt. Lauf los!

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Ein paar Tage folge ich der Isar. Das Wetter ist schlecht, so diesig, dass man die Berge nicht sehen kann… Bis ich in Lengries plötzlich davorstehe. Ich nehme die Seilbahn rauf auf’s Brauneck. Das Wetter motiviert irgendwie nicht wirklich… Am Gipfelhaus traue ich mich im Nebel nicht über die Achselköpfe, außerdem gibt es keine Aussicht, ich entscheide mich über Nacht im Brauneck-Gipfelhaus zu bleiben.

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Am nächsten Tag weiter zur Tutzinger Hütte. Der erste Bergtag ist eine echte Herausforderung, es ist schon Kletterei angesagt, paar mal knietief im Matsch eingesunken, dann eine Leiter hoch, dann keine Leiter, aber trotzdem hoch… Puh.

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Abstieg ins Rißtal am nächsten Tag. 90 Serpentinen geht es auf schmalem Pfad runter vom Berg. Jetzt weiß ich wo meine Knie sind! Am nächsten Morgen kann ich meine Oma verstehen, die immer seitwärts die Treppe runterging.. Gott sei Dank ist das Karwendelhaus für heute ausgebucht und wir müssen einen Zwangs-Pausetag einlegen.

Das Karwendel hat es in sich. Vielleicht ist das alles eine Nummer zu groß für mich? Die Birkkarspitze läßt mich zweifeln: keine Wege, nur Schotter, Schotter, Schotter, das Wasser alle, die Sonne brennt, ich muss sterben… Mit Mühe und mit letzter Kraft erreiche ich das Hallerangerhaus. Ich mache mir bewußt, das alles ist Selbsterfahrung und ich habe es mir selbst ausgesucht! Also weiter…

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Runter ins Inntal, kurze Pause in der Zivilisation in Innsbruck. Dann durch’s Vordertal rauf auf’s Naviser Jöchl. Ach, nur ein kleines Jöchl… haha!

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Ziel heute ist die Lizumer Hütte. Morgen geht’s weiter in die Tuxer Alpen. Man kann schon den Hintertuxer Gletscher sehen, paradoxerweise ein Sommerskigebiet. Was machen wir Menschen nur mit der Natur…

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Am nächsten Tag überquere ich die italienische Grenze. Yeah, Südtirol! Ein Cappuccino am Pfitscher Joch Haus muss sein. Ich entscheide mich für eine zweite Nacht im Zelt und steige nicht nach Stein ab, sondern gehe direkt Richtung Pfunders. Es ist heiß, das Tal voller Murmeltiere und ich sehe den ganzen Tag keine Menschenseele, außer einem Jäger, der mit einer riesigen Flinte aus dem Wald kommt und mir zu denken gibt.. Auf wen wird denn hier geschossen? Hmm…

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Der schönste Zeltplatz aller Zeiten: ein See zum Baden und Wäsche waschen, 3 Stunden weg von jeglicher Zivilisation, und der erste Ausblick auf die Dolomiten 🙂 Here we go!

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Runter nach Pfunders, rauf auf die Lüsener Alm und wieder runter Richtung Würzjoch und Peitlerkofel. Ach, die paar Tausend Höhenmeter machen den Braten nicht fett.. Langsam werde ich fit!

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Umrundung des Peitlerkofel (der erste Dolomit) mit Ziel Puez-Geißler Gruppe. Die Vorfreude steigt!

Als nach einer regnerischen Nacht in der Schlüterhütte am Morgen die höheren Gipfel weiß sind, wird es spannend. Regenzeug an, nichts kann uns aufhalten! Schneegestöber auf der Roa Scharte, wir haben die Schneegrenze überquert. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir die Puezhütte. Dort lassen wir uns einschneien, sitzen am Ofen und trinken heiße Schokolade 🙂

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Der nächste Morgen begrüßt uns mit Sonnenschein, kristallklarer kalter Luft und azurblauem Himmel, dazu eine leicht vereiste Winter-Wunder-Landschaft!

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Wir schlittern los über eisige Pfade in Richtung Grödner Joch. Am Crespeina Joch quälen sich von der anderen Seite massenhaft Touristen im Gänsemarsch nach oben. Ein schneller Schluck aus der Gipfelschnaps-Flasche wärmt uns auf und wir sind gerüstet für den Abstieg zum Pass mit Ausblick auf die Sella Gruppe. Auf den garstigen Felsbrocken sollen wir rauf??

Auf der Nordseite der Sella gibt es nur zwei Aufstiegs-Möglichkeiten, entweder Klettersteig oder richtiger Klettersteig (mit Helm und Gurt). Wir nehmen den Klettersteig, Via Ferrata, na endlich! Ein steiles, endloses Schotterfeld in Serpentinen hochsteigen, dann 300 hm Kletterei in einer vertikalen Felsspalte. Wir ziehen uns an den Stahlseilen hoch und erreichen zügig das Hochplateau. Zwei Franzosen verfolgen uns schon den ganzen Morgen, jetzt sind sich völlig aus dem Häuschen: “Manifique! Ferrata, c’est facile!” Am Rifugio Pisciadu feiern wir unseren Erfolg mit Apfelstudel und Bier!

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Übernachtet wird auf der Boè Hütte auf 2873m inmitten einer kargen, weiten, leicht eingezuckerten Mondlandschaft. Ich entscheide mich hier einen Pausetag einzulegen, dieser Ort ist einfach zu speziell um einfach so weiterzugehen, außerdem ist der Apfelstrudel perfekt!

Am nächsten Morgen besteige ich den ersten Dreitausender der Tour: den Piz Boè. Ich bin froh ohne Gepäck unterwegs zu sein, es gibt Kletterei an Stahlseilen, die mit meterlangen Eiszapfen am Felsen festgefroren sind… Oben gibt es die Gipfelhütte Capanna Fassa mit Hubschrauberlandeplatz, großer Terrasse und unbeschreiblicher 360° Aussicht. Im Süden funkelt der nahe Gletscher der Marmolada, an der ich morgen vorbeiwandern werde.

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Nach der Abfahrt mit der Seilbahn zum Passo Pordoi ergibt sich nochmal ein fantastischer Rückblick auf den Sella-Block. Im rechten Drittel ist der Gipfel des Piz Boè zu sehen. Weiter geht es auf dem Bindelweg auf der Nordseite der Marmolada, der Königin der Dolomiten. Ziel heute ist Alleghe.

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In Alleghe gönne ich mir einen Wellnesstag und freue mich auf Besuch über’s Wochenende. Nun habe ich endgültig die Sprachgrenze überquert, die Süddolomiten sind fest in italienischer Hand. Apfelstrudel heißt ab sofort “strudel di mele” und der Kaffee schmeckt irgendwie besser…

Der Tag wird dominiert von der eindrucksvollen Nordwestwand der Civetta, der wir morgen auf dem Weg zum Rifugio Tissi sehr nah sein werden.

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Wir haben zwei wundervolle Wegtage nach Belluno. Am Passo Duran biegen wir auf den Sentiero Montagna Dementicata ab. Heute ist es diesig und es sieht nach Regen aus. Der Weg ist offensichtlich wenig begangen und völlig zugewuchert. Wir checken mehrmals das GPS, um sicherzugehen, dass wir noch auf dem Pfad sind. Wir kämpfen uns durch, klettern über und unter umgestürzten Bäumen durch und gelangen auf den Grad. Auf schwindelerregendem Pfad folgen wir der Bergkette, festgeklammert ans Stahlseil, und hoffen dass wir es noch vor dem Regen nach unten schaffen. Wir schaffen die ersten 500 hm, dann kommt eine Hütte, bei der wir unter einem Abdach eine kurze Pause einlegen um unsere hightech-goretex-alpine-fit-waterproof-solutions anzulegen. Die letzten 1.000 hm zur Bushaltestelle steigen wir mit letzter Kraft im strömenden Regen über unzählige mit mannshohem Gras überwucherten Serpentinen ab.

Nach Belluno kommt nur noch ein Berg, den Col Visentin, höchster Gipfel der italienischen Voralpen, des Nevegal.

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Beim langen Abstieg über den Grad werden weite Blicke in beide Richtungen frei. Bei klarem Wetter könnte man von hier schon die venezianische Lagune sehen, leider ist es heute nicht klar genug. Je weiter ich runter komme, desto wärmer wird es, desto mehr Mücken, desto mehr Obst an den Bäumen… Ich campe am See bei Revine. Noch 4 Tage bis Venedig.

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Nach drei Tagen bin ich an der Lagune, Möwen fliegen, die Wolken sind anders und es riecht nach Meer. Es folgt ein letzter langer Wandertag auf staubigen Fahrradwegen unter brennender Sonne, dann geht alles ganz schnell: ich bin am Strand!

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Ich bin da! Ich hab’s geschafft! Von München bis ans Meer gelaufen! Verrückte Sache… Ich feiere mit einem Glas Spritz Aperol in einer Strandbar. Nach einem schnellen Bad im Meer wandere ich am Strand entlang zum Campingplatz in Punta Sabbioni und werde nicht selten angesprochen. Gelaufen? Den ganzen Weg?? Viele Fragezeichen in den Gesichtern der deutschen Adria-Camper.

Am nächsten Tag nehme ich den Vaporetto zur Piazza San Marco. Es nieselt und auf dem Platz steht das Wasser. Ich laufe rum wie Falschgeld. So viele Menschen? Zivilisation? Hab ich mir irgendwie abgewöhnt. Ich genieße das melancholische Flair der Stadt, das Wasser, die Vögel im Wind, die Boote, die vernebelte Aussicht vom Campanile, aber auch das Marode in der Architektur, die schiefen Türme, die alten feuchten Durchgänge unter Brücken… Grandioses Ziel einer grandiosen Tour!

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http://www.calvendo.de/galerie/transalp-zu-fub-ueber-die-alpen-von-muenchen-nach-venedig/?s=ina%20reinecke&type=0&format=0&lang=1&kdgrp=0&cat=0&

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2 Comments

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  1. Super Sache! Tolle Bilder! Und sicher ein einmaliges Erlebnis!

  2. super Fotos, sehr authentisch erzählt, bin total begeistert

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